Fragen ans Expertenforum

Moral

Sollte man aus moralischer Sicht einer Euro-Bond-Lösung zustimmen und sich so solidarisch mit Resteuropa zeigen? Welche Rolle spielt bei diesen wirtschaftlichen Entscheidungen die Moral?
E. Schmidt am 06.09.2011

Antwort

Fragen wie diese scheinen auf den ersten Blick mehr politischer denn moralischer Natur zu sein: Einmal ist es offenkundig eine Frage „der Politik“, also der Staats- und Regierungschefs der EU, ob sie einer solchen Lösung zustimmen möchten. Zweitens wird in dieser Entscheidung sicherlich eine ganze Reihe politischer Gesichtspunkte eine Rolle spielen: Vorhandene Bündnisse und Absprachen, die politischen Effekte, die eine solche Entscheidung bei den Wählern im eigenen Land hätte und viele weiterer mehr. Drittens haben wir es auf den ersten Blick auch gar nicht mit einer genuin moralischen Entscheidung zu tun: In Frage steht nicht, um mit Aristoteles zu sprechen, das Glück des Einzelnen, sondern das gewaltiger Kollektive, für die es die insgesamt beste Entscheidung zu treffen gilt.

Ungeachtet all dieser Gesichtspunkte gilt es, diesem ersten Anschein zu widersprechen: Zum einen stehen Kollektiventscheidungen, wie sie hier anstehen, nicht bereits an sich außerhalb der Moral. Dass hier die Entscheidungsfindung selbst besonderen Bedingungen unterliegt, wurde im DVD-Seminar in mehreren Lektionen sorgsam herausgearbeitet; dass sie deshalb keine Entscheidung mehr darstellt und damit außerhalb des moralischen Diskursbereichs fällt, hingegen nicht. Auch spricht die breite Wirkdimension dieser Entscheidung sowie die Komplexität der zu ihr hinführenden Fragestellung nicht gegen eine moralische Bewertbarkeit anhand des Maßstabs des Guten und Schlechten: Bestenfalls ist festzustellen, dass sie als angewandte, konkrete Problematik nicht unmittelbar aus der Philosophie heraus bewertet werden kann. Stattdessen ist sie auf Einschätzungen und Daten angewiesen, die etwa von den Wirtschaftswissenschaften geliefert werden müssen.

Dementsprechend vorsichtig gilt es, die Aspekte aufzuzeigen, welche die Moral zu dieser Fragestellung beitragen kann. Sie können hier nur in Ansätzen beschrieben werden. Im Grunde haben wir es hier mit einem Verantwortungskonflikt zu tun: Auf der einen Seite sind die Entscheidungsträger als gewählte Repräsentanten und Potentaten ihren Staaten verpflichtet und damit um das Wohl der darin organisierten Bürger; auf der anderen Seite sind sie Mitglieder einer Währungsunion und haben sich darin vertraglich verpflichtet, die Stabilität ihrer Währung zu erhalten. Eine erste Betrachtung könnte zwischen beiden Pflichten ein Abhängigkeitsverhältnis diagnostizieren: Die Währungsunion wurde demnach angestrebt, weil sich alle Beteiligten einen Vorteil für ihre eigenen Staaten – und damit: für ihre eigenen Bürger – versprachen. Fällt dieser Vorteil durch eine bestimmte Maßnahme weg oder kann nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten aufrecht erhalten werden, sollte diese, so das Argument, gemieden werden.

Nehmen wir probehalber einmal an, dass die Einführung von Euro-Bonds eine solche Maßnahme darstellt. Dagegen könnte einmal eingewandt werden, dass die einmal ausgesprochene Verpflichtung zur Währungsstabilität nicht so konstruiert werden dürfe, dass man sich jederzeit wieder von ihr distanzieren könne: Ebenso würde ja auch ein Versprechen im Grundsatz nicht bereits dann wirkungslos wenn sich die von ihm erhofften Vorteile als nicht so groß entpuppen wie erhofft. Zum zweiten stellt sich auch aus der bislang eingenommenen Perspektive des Eigenvorteils die Sachlage keineswegs so geradlinig dar wie bislang unterstellt: So mögen sich kurzfristig die Kosten, die sich durch die gestiegenen Zinsen auf neu aufgenommene Kredite für Deutschland ergeben, deutlich erhöhen. Langfristig hingegen könnte sich dieses Investment durch die Beruhigung der europäischen Schuldenkrise nicht allein auf die übrigen EU-Staaten positiv auswirken, sondern auch auf den größten Profiteur der Währungsunion selbst.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ZEIT Akademie

Literaturhinweis:
Greg M.K. Hunt (Hg.): Philosophy and Politics. Cambridge University Press, Cambridge 1990.

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