Ich kann auf der Grundlage der Vorlesung die Einschätzung von Böll als schlechten Romanschriftsteller nicht nachvollziehen. Wer im Übergang zur ersten sozialliberalen Regierung studiert hat, findet es geradezu selbstverständlich, dass Schriftsteller sich auch politisch einmischen. Gerade in dieser Hinsicht war Böll vorbildlich und zwar unabhängig davon, ob man seine Ansichten teilte. Ihn wegen starker meinungspolitischer Aktivitäten und einer "moralsauren" Haltung abzuqualifizieren, passt in meinen Augen nicht in die Zeit. Und wenn ich dann an die sehr feinfühlige Beschreibung von Leni's buntem Leben in "Gruppenbild mit Dame" denke, dann frag ich mich, wo da was Moralsaures ist. – W. Seiler am 3.1.2012
Antwort
Im Rahmen der Vorlesung hebt Prof. Richter Bölls Kurzgeschichten hervor und stellt fest, dass diese stärker seien als seine Romane. Hier wie dort finden sich - wie auch Ihr Beispiel „Gruppenbild mit Dame“ eindrücklich zeigt – sehr feinfühlige Figurenzeichnungen. Diese ziehen sich durch das gesamte Oeuvre des Autors und nicht umsonst wurde ihm dafür der Nobelpreis für Literatur verliehen. Was Prof. Richter die Romane jedoch als weniger gut einstufen lässt als die Kurzgeschichten, ist die weniger komplexe Anlage der Romanhandlung. Umso stärker stuft sie dagegen die Kurzgeschichten ein, da hier sehr verdichtet erzählt wird und die sensiblen Figurenzeichnungen noch mehr zum Tragen kommen.
Prof. Richters Bemerkung zum „Moralsauren“ ist weniger als Kritik an Bölls Werken, sondern vielmehr als Versuch einer Erklärung, warum sie heute weniger gelesen werden, zu sehen. Die Gesellschaftskritik, die Böll betrieb und die oftmals Kontroversen auslöste, ist im Rahmen seiner Zeit fraglos wichtig und vorbildlich. Doch – und deshalb verwendet Prof. Richter den Begriff „moralsauer“ – diese Prägungen können einem heutigen jungen Leser, der diese Zeit eben nicht miterlebt hat, den Zugang zu den Texten erschweren. Die nicht anzweifelbare ästhetische Qualität der böllschen Texte kann unter Umständen in der Wahrnehmung eines solchen Lesers so sehr von den politischen Themen überlagert werden, dass dieser Text lediglich moralisierend wirkt. Der Fokus verschiebt sich in so einem Fall, weil sich ein Leser, der nicht mit den zeitlichen Umständen vertraut ist, erst einmal in diese Zeit hineindenken muss, um zu verstehen, wieso ein Autor diese oder jene Themen ausführlich und auf eine bestimmte Art behandelt. Bleibt dies aus, nimmt dieser Leser möglicherweise einen omnipräsenten „erhobenen Zeigefinger“ in den Texten wahr und stuft sie deshalb als allzu moralisierend ein.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Böll generell als „moralsaurer“ Autor einzustufen ist. Im Rahmen seiner Zeit funktionieren die Texte einwandfrei und es ist zu wünschen, dass auch die folgenden Lesergenerationen die Ästhetik der Texte Bölls wahrnehmen und genug Verständnis für die Prägung der Texte mitbringen, um sie so einzustufen, wie es ihnen gebührt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZEIT Akademie

