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Wie kann der Fortplanzungswille evolutionistisch erklärt werden? Es ist zwar klar, dass sonst kein Leben existieren würde, aber selbst bei der ursprünglichen Zellteilung muss ja diese "Funktion" bereits vorhanden gewesen sein. Also müsste dieses Interesse an der Lebenserhaltung, so will ich es mal nennen, bereits vorher existiert haben. – R. Fiehn am 27.7.2012
Diese Frage reicht weit in die Vergangenheit zurück bis zu den Anfängen der Welt. Die bislang schlüssigste Hypothese zur Entstehung des Lebens besagt, dass es vor der biologischen zunächst eine chemische Evolution gegeben haben muss. Die Zutaten dafür hat es bereits auf dem jungen Planeten Erde gegeben und sie existieren vermutlich auch auf vielen anderen Planeten in unserem Universum. Die Hypothese besagt, dass in einem Gemisch aus anorganischen Molekülen, einer Art Ursuppe, organische Moleküle entstanden, die irgendwann begannen, sich selbst zu kopieren. Einer der besten Kandidaten für ein frühes, sich selbst replizierendes Molekül ist die Ribonukleinsäure RNA, ein Schwestermolekül der Erbsubstanz DNA, das in jeder sich teilenden Zelle schwimmt und die molekulare Maschinerie steuert.
[mehr ...]Für Teilnehmer: Stellen Sie hier Ihre Fragen zum Seminar oder lesen Sie, was andere Teilnehmer wissen möchten. Folgende Seminare stehen zur Auswahl:
Wie ist es möglich, dass unsere Nachkommen wohl seit Jahrtausenden zu etwa je 50% männlich und weiblich sind, obwohl nur der Vater mit seinen X-/Y-Chromosomen darüber entscheidet? (Nur die "story" besagt, dass in Kriegszeiten mehr Jungen geboren werden). – J. Meyerhoff am 2.5.2012
Bei der Produktion der Spermien ist das Geschlechterverhältnis noch vollkommen ausgeglichen. Spermien, die ein männliches Y-Chromosom tragen, haben jedoch gegenüber Spermien mit weiblichem X-Chromosom einen kleinen Geschwindigkeitsvorteil. Der führt dazu, dass auf 100 gezeugte weibliche Embryonen etwa 130 männliche kommen. Doch die Sterblichkeitsrate männlicher Embryonen liegt höher, sodass sich das Geschlechterverhältnis bei der Geburt auf 105 Jungen zu 100 Mädchen angenähert hat.
[mehr ...]Ist es möglich, bei bekannter Mutationsrate und Zahl der Mutationen und ebenfalls ungefähr bekannter zur Verfügung stehender Zeit für eine Anpassung, diese "Gleichung" auf Plausibilität zu überprüfen?
Ein Beispiel: Die entwicklungsgeschichtlich junge Pflanzenfamilie der Orchideen bringt z.B. Ragwurzarten hervor, die Insekten nicht mit Nektar, sondern mit Blüten anlocken, die in Form, Farbe und Behaarung und zusätzlich mit spezifischem Sexuallockstoff täuschend echt Insektenweibchen vorgaukeln, um das entsprechende Männchen zur Bestäubung anzulocken und das genau zu einem Zeitpunkt, wenn die Weibchen noch nicht geschlüpft sind.
Reicht bei blindem Zufall der Mutationen mit nachfolgender Auslese die Zeit aus,um derartige Anpassungen plausibel zu machen, bzw. gibt es Berechnungsmethoden, um die tatsächlich erforderliche Zeit für derart komplexe Anpassungen zu berechnen? – H. Holm am 10.4.2012
Die Beziehung zwischen Ragwurzarten und ihren Bestäubern ist ein prominentes Beispiel für Koevolution. Dabei entwickeln sich zwei voneinander abhängige Arten und passen sich wechselseitig aneinander an. Es ist ein sehr spezifischer Mechanismus. Manche Orchideen-Arten werden nur von einer einzigen Insektenart angeflogen, andere haben immerhin mehrere Bestäuber. Bereits kleine Veränderungen in der Zusammensetzung der von der Pflanze abgegebenen Lockstoffe führen dazu, dass andere Insekten zur Bestäubung kommen.
[mehr ...]Die zur Zeit favorisierte These, warum sich im Laufe der Evolution die sexuelle Fortpflanzung gegen die asexuelle durchgesetzt hat, ist ja die, dass dadurch mit Krankheitserregern und Parasiten Schritt gehalten werden kann ("Red Queen"-Hypothese). Dabei versuchen Individuen über den Geruch, solche Partner zu finden, die die eigene MHC-Ausstattung optimal vervollständigen. Kann dieser Mechanismus, wie von den Verfechtern reklamiert, allgemeine Gültigkeit haben? Ich kann mir Fortpflanzungssituationen wie z.B. Harems (s. den im Seminar genannten Seeelefant-Beach Master) vorstellen, bei dem die Weibchen gar keine Wahl haben, da sie ausnahmslos von einem Männchen begattet werden - die Nachkommen der Weibchen hätten dann also keine optimale MHC-Ausstattung. – S. Kress am 1.2.2012
Die molekulare Signatur des Immunsystems eines potenziellen Partners – dessen der MHC-Ausstattung – erschnüffelt die menschliche Nase unterbewusst. Und so beeinflusst sie auch unsere Entscheidungen. Sie stellt aber nur einen Mechanismus der Partnerwahl dar. Andere Reize wie Macht, äußerliche Schönheit, Charme, Witz oder Geld mögen überwiegen oder gleich mächtig sein, das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Am Strand der Seelefanten läuft die Partnersuche weniger fein justiert ab.
[mehr ...]Wenn unsere Gene sich nur zu zwei Prozent von denen der Affen unterscheiden, warum sind wir dann doch so anders? – G. Friedrich am 14.12.2011
Manche Gene haben einen ungeheuer starken Einfluss etwa auf das Aussehen eines Menschen. Zudem schwanken die genetischen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse, je nach dem, welche Teile des Genoms man betrachtet. Zählt man nicht nur die Unterschiede in der Abfolge der Erbgut-Bausteine, sondern untersucht auch die Zahl der Kopien verwandter Gene, landet man bei sechs Prozent Unterschied.
[mehr ...]Es besteht im menschlichen Körper eine neuronale Beziehung zwischen Innenohr (Gleichgewichtssinn) und Magen. Bei Drehschwindel (Karussell...) etwa kommt es häufig zu Erbrechen. Gibt es zu dieser Verknüpfung einen evolutiven Sinn? – W. Brinschwitz am 30.4.2012
Heute vermutet man, dass Schwindel dann entsteht, wenn verschiedene Sinnesorgane wie Innenohr und Auge widersprüchliche Signale zur räumlichen Lage des Körpers an das Gehirn senden. Eine Theorie besagt, dass die Übelkeit, die bis zum Erbrechen reicht, eine evolutionäre Anpassung an das Schwindelgefühl ist.
[mehr ...]Mir stellt sich die Frage ob es Hinweise darauf gibt, unter welchen Umständen Wahnvorstellungen wie in einer Schizophrenie, Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten, Depression, Autismus, etc. Ergebnis einer erfolgreichen sexuellen oder Umweltselektion sind. Inwiefern ist es zur möglichst großen Reproduktion der Gene sinnvoll, die mit den Krankheiten in Verbindung stehenden neurologischen bzw. hormonellen Prozesse aus genetischer Sicht auszubilden? – M. Weise am 15.2.2012
Diese Frage umreißt ein lang bekanntes Paradox: Es ist bekannt, dass Menschen mit Wahnvorstellungen und selbstverletzendem Verhalten weniger Nachwuchs haben. Wie kann es sein, dass die Gene, die diese Verhaltensweisen beeinflussen, im Lauf der Evolution nicht längst heraus selektiert wurden? Es sieht so aus, als würde Schizophrenie einen evolutionären Vorteil bieten.
[mehr ...]Die grundlegende sexuelle Selektion beruht ja zunächst einmal auf phänotypischen Merkmalen und hat das Finden von gesunden und parasitenfreien Sexualpartnern zum primären Ziel. Was sind die heutigen Kriterien der sexuellen Selektion innerhalb der Art Homo sapiens sapiens? Sind es am Ende eben doch Erfolg und Einkommen? – A. Hartmann am 3.1.2012
Zweck der sexuellen Selektion ist es – kurz gesagt – gute Gene zu finden, damit der eigene Nachwuchs Vorteile hat. Der auswählende Partner sollte sich also an Merkmalen orientieren, die auch vererbbar sind, damit der Nachwuchs etwas davon hat. Mit Sicherheit ist die Auswahl dabei heute stark kulturell geprägt und bestimmt spielen auch soziale Merkmale eine Rolle. Erfolgt und Einkommen können dabei Kriterien sein, genauso wie die Haarfarbe oder weiße Zähne.
[mehr ...]Eigentlich ist die Evolutionsbiologie doch eine eher rückwärtsgewandte Wissenschaft. Trotzdem preist Prof. Dr. Meyer sie als Leitwissenschaft unserer Zeit an. Wieso? – K. Bach am 1.12.2011
Der Eindruck, dass die Evolutionsbiologie rückwärtsgewandt sei, nährt sich vor allem aus der Art und Weise, wie wir versuchen, die Mechanismen der Evolution zu verstehen. Dazu schauen wir in der Tat oft in die Vergangenheit – doch mit dem Ziel, etwas über unsere Zukunft zu lernen. Evolution erklärt uns, warum wir sind wie wir sind.
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