Fragen ans Expertenforum

Tugendethik

Können Sie mir den Unterschied zwischen dem Streben nach Wahrhaftigkeit und der Wahrheitsliebe erklären? Und: Was meinen Sie, ist moralisch "einwandfreier" zu leben? – T. Paul am 13.4.2011

Antwort:

Wie Sie zu Recht sagen, sind das Streben nach Wahrheitsliebe und Wahrhaftigkeit zwei Arten und Weisen, sein Leben zu führen. Genauer gesagt bilden beide als Gegenstand unseres Strebens Ideale, an denen wir unser Handeln orientieren können. Insofern Orientierungspunkte unseres Handelns nichts Punktuelles darstellen (nicht allein auf die eine oder andere konkrete Handlung bezogen sind), sondern das Handeln als solches positiv strukturieren sollen, können wir das Streben nach ihnen als tugendhaft, sie selbst als Tugenden bezeichnen.

Wenngleich das genaue Verhältnis zwischen beiden Tugenden sicherlich mannigfaltig interpretiert werden kann, schlage ich vor, eine Überschneidung anzunehmen, nach der Wahrheitsliebe gegenüber der Wahrhaftigkeit die besondere Tugend darstellt. Wahrhaftigkeit steht dem folgend im engen Verhältnis zur Integrität eines Menschen: Wer nach denjenigen Werten lebt, die er selbst auch vertritt, handelt wahrhaft und verdient es, integer genannt zu werden. Darunter fällt auch die Ehrlichkeit als eine Form der Wahrheitsliebe: Ehrlich handelt der, welcher nur behauptet, was er nach bestem Wissen und Gewissen für wahr erachtet. Doch erweist sich auch derjenige, der beispielsweise einem Freund in der Not zur Seite steht, als wahrhaft (nämlich als wahrhafter Freund) und verleiht seinem Charakter so Integrität. Dabei ist entscheidend, dass man seinem Freund vorab nicht eigens angekündigt haben muss, ihm in der-und-der Situation zu helfen; man hilft ihm einfach und stellt dadurch seine Freundschaft unter Beweis.

Nehmen wir probeweise die Richtigkeit des soeben skizzierten Verhältnisses an, scheint sich das Streben nach Wahrheitsliebe gegenüber dem dann umfassenderen Streben nach Wahrhaftigkeit als leichter durchführbar darzustellen. Dennoch wird in der Literatur auch die Auffassung vertreten, dass tugendhaftes Handeln nur im Ganzen möglich ist. Im Hintergrund steht dabei die Vorstellung, dass ein struktureller Mangel an Integrität hinsichtlich einer Facette eines Charakters (hier: der Ehrlichkeit) aufgrund der Verflechtung der Tugenden untereinander notwendigerweise auch Schwächen in anderen Handlungsbereichen nach sich zieht. Man versuche sich etwa einen notorischen Lügner als treuen Freund vorzustellen: Manchmal besteht freundschaftliche Treue schlicht darin, die Wahrheit zu sagen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ZEIT Akademie

Literaturhinweis:
Klaus Peter Rippe, Peter Schaber (Hg.): Tugendethik. Reclam, Ditzingen 1998.

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