Gibt es einen Unterschied zwischen Gründen und Motiven? "Alternativlos" ist das Unwort des Jahres - gibt es solche Handlungen, und wenn ja, was bedeuten sie für die Verantwortlichkeit von Personen? – W. Käfer am 8.2.2011
Antwort:
Zu Ihrer ersten Frage: Unter „Motiv“ wird in der Handlungstheorie häufig der tatsächliche Antrieb verstanden, nach dem ein Agent handelt. Wir können dies als die Gesamtheit seiner motivational wirksamen Gründe verstehen. Demgegenüber nehmen viele Philosophen zusätzlich normative Gründe an. Sie bilden diejenige Menge von Handlungsschrittmachern, denen wir folgen sollten. Beide können zusammenfallen: So mag ich motiviert sein, meinen Freunden zu helfen, weil ich überzeugt bin, dass dies meine Pflicht ist. In einem Wort: Ich soll meinen Freunden helfen. Ist das nun auch tatsächlich der Fall (was wir getrost annehmen dürfen), bildet hier der normative Grund zugleich meinen motivierenden Grund. Andererseits können beide Gruppen von Gründen auch auseinander fallen: Angenommen, ich habe meinem Vater versprochen, den Nachmittag auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Stattdessen verbringe ich die Zeit dann aber doch lieber damit, fernzusehen, und lasse mich erst gar nicht zuhause blicken. Der Wunsch, fernsehen zu wollen, erhält hier die Funktion des motivational wirksamen Grundes. Nichtsdestotrotz ist das für die gegebene Situation kein guter Grund: Das Versprechen wirkt schwerer. Ich handle mithin falsch.
Zu Ihrer zweiten Frage: Wenn Politiker oder sonstige Verantwortungsträger von „alternativlosen“ Entscheidungen sprechen, wollen sie damit meist nicht zu verstehen geben, dass sie dafür nicht verantwortlich zu machen sind; vielmehr geht es ihnen darum, ihre Entscheidung als die einzig richtige zu rechtfertigen. „Alternativlos“ bezieht sich dann auch weniger auf die Anzahl der übrigen Optionen, als vielmehr deren qualitative Verwendbarkeit in Rechtfertigungen: Alle anderen Handlungsoptionen, so wird suggeriert, sind offenkundig schlechter. Hieraus ergeben sich zumindest zwei Kandidaten für nicht-alternativlose Entscheidungen: Entweder es gibt mehrere gleichwertige Kandidaten zur Lösung eines Handlungsproblems (als Variante könnte man hier auch sagen: mehr oder weniger gleichwertige Optionen); oder es ist nicht so leicht erkennbar, welche der angebotenen Handlungsalternativen die bessere ist.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ZEIT Akademie
Literaturhinweis:
Christoph Halbig: Praktische Gründe und die Realität der Moral. Klostermann, Frankfurt 2007.

