Ist es möglich, bei bekannter Mutationsrate und Zahl der Mutationen und ebenfalls ungefähr bekannter zur Verfügung stehender Zeit für eine Anpassung, diese "Gleichung" auf Plausibilität zu überprüfen?
Ein Beispiel: Die entwicklungsgeschichtlich junge Pflanzenfamilie der Orchideen bringt z.B. Ragwurzarten hervor, die Insekten nicht mit Nektar, sondern mit Blüten anlocken, die in Form, Farbe und Behaarung und zusätzlich mit spezifischem Sexuallockstoff täuschend echt Insektenweibchen vorgaukeln, um das entsprechende Männchen zur Bestäubung anzulocken und das genau zu einem Zeitpunkt, wenn die Weibchen noch nicht geschlüpft sind.
Reicht bei blindem Zufall der Mutationen mit nachfolgender Auslese die Zeit aus,um derartige Anpassungen plausibel zu machen, bzw. gibt es Berechnungsmethoden, um die tatsächlich erforderliche Zeit für derart komplexe Anpassungen zu berechnen? – H. Holm am 10.4.2012
Antwort
Die Beziehung zwischen Ragwurzarten und ihren Bestäubern ist ein prominentes Beispiel für Koevolution. Dabei entwickeln sich zwei voneinander abhängige Arten und passen sich wechselseitig aneinander an. Es ist ein sehr spezifischer Mechanismus. Manche Orchideen-Arten werden nur von einer einzigen Insektenart angeflogen, andere haben immerhin mehrere Bestäuber. Bereits kleine Veränderungen in der Zusammensetzung der von der Pflanze abgegebenen Lockstoffe führen dazu, dass andere Insekten zur Bestäubung kommen. Durch den neuen Bestäuber gibt es mit einem Mal eine Unterbrechung im Genfluss zwischen vormals verwandten Orchideen – selbst wenn sie unmittelbar nebeneinander stehen. Die Untersuchungen einer schweizer Forschergruppe zeigte, dass bereits wenige Mutationen in den Lockstoff-Genen ausreichen, um eine genetische Barriere zwischen verwandten Pflanzen zu errichten und so neue Arten entstehen zu lassen. Diese Daten belegen auch, dass geologischen Barrieren wie Gebirge oder Gewässer nicht zwingend notwendig sind für die Artentstehung. Der Wechsel auf einen anderen Bestäuber unterbindet den Genfluss mindestens ebenso effizient.
Weiterführende Informationen zu oben genannter Studie finden Sie unter: http://www.pnas.org/content/108/14/5696.full?sid=7b3a7e2c-e714-40e5-b086...
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