Prof. Dr. Nida-Rümelin vertritt die Überzeugung, dass dem Menschen ein Spielraum für die freie Entscheidung bleibt, sich auf a oder b festzulegen. Ich bin da anderer Meinung. Bei jeder Entscheidung, einerlei, ob ich mich für a oder b entscheide, hängt es einzig von den Gründen ab die mich dazu bewegen. Niemand entscheidet sich grundlos. Daher kann es keine Freiheit der Entscheidung geben. Auf der anderen Seite bin ich schon der Ansicht, dass es einen Freiheitsaspekt geben muss. Gibt es Denker, die einen Ausweg aus diesem Dilemma anbieten? – U. Kaemmerling am 6.3.2012
Antwort
Freiheit verstanden als Befreiung von allen Bestimmungsgründen erscheint in der Tat schwer vorstellbar: Wenn mich nichts bestimmt, was wäre mein Handeln mehr als das blinde Wirken des Zufalls? Als Vergleich könnte etwa der Wurf eines idealen Würfels dienen: Gegeben einer Gleichverteilung aller Wahrscheinlichkeiten wird selbiger mal so, mal anders fallen. Die meisten Menschen werden das kaum als Freiheit bezeichnen wollen. In diesem Geist schließt bereits ein Denker wie Immanuel Kant: „Zwischen Natur[notwendigkeit] und Zufall gibt es ein drittes, nämlich Freiheit.“ (Akademieausgabe [AA], Bd. 18, S. 163)
Es wird mithin darauf ankommen, sein eigenes Handeln nicht keinerlei Bestimmungsgründen zu unterwerfen, sondern nur solchen, die dem eigenen Ich zurechenbar sind. Nur in diesem Fall wäre das eigene Handeln nicht fremd- sondern eigenbestimmt, oder autonom. Dementsprechend definiert Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten: „Der Wille ist eine Art von Kausalität lebender Wesen, so fern sie vernünftig sind, und Freiheit würde diejenige Eigenschaft dieser Kausalität sein, da sie unabhängig von fremden sie bestimmenden Ursachen wirkend sein kann; so wie Naturnotwendigkeit die Eigenschaft der Kausalität aller vernunftlosen Wesen, durch den Einfluß fremder Ursachen zur Tätigkeit bestimmt zu werden.“ (AA, Bd. 4, S. 446)
Wie Sie ganz zu Recht schreiben, treffen wir unsere Entscheidungen normalerweise anhand von Gründen. Dem oben gegebenen Zitat Kants folgend können wir Gründe als Kausalität bestimmter Art verstehen, die Lebewesen mit einem (vernunftgeleiteten) Willen zur Verfügung steht. Wie sich die Natur von Handlungsgründen genau fassen lässt, ist in der philosophischen Debatte stark umstritten. Eine wesentliche Grundidee scheint jedoch darin zu bestehen, dass ihnen praktische Normativität zukommt: Wenn ich aus einem Grund heraus handle, dann nicht deswegen, weil ich ihm gemäß handeln muss, sondern weil ich ihm folgen sollte.
Betrachten wir dazu ein Beispiel. Angenommen, Sie entschließen sich, ins Kino zu gehen. Gefragt, warum Sie das tun, ob Sie gar dazu gezwungen wurden, werden Sie in den meisten Fällen antworten können: „Gezwungen? Wer sollte mich zwingen? Ich möchte mir halt gerne den Film anschauen. Ich müsste ihn nicht sehen. Aber er klingt interessant, hat Schauspieler, die mir bereits in anderen Filmen gefallen haben, und außerdem habe ich heute Abend frei. Da es keine vielversprechenden Alternativen gibt, sehe ich nicht, weshalb ich nicht hingehen sollte.“
Nehmen wir weiter an, dass Kino befindet sich auf der anderen Seite der Straße. Gerade als Sie die Haustür verlassen, weht vor Ihrer Wohnung ein Blatt über die Straße in die Eingangspforte des Kinos. Gefragt, weshalb es sich so verhält, wird man damit beginnen, die herrschenden Wetterbedingungen anzuführen, dazu die Leichtigkeit des Blatts, die auf es einwirkende Schwerkraft und weitere Faktoren. Gesetzt all dieser Bedingungen bleibt allerdings kein Raum mehr für die Frage, ob das Blatt sich auch so verhalten sollte; es muss seiner Flugbahn Folge leisten, wie sie ihm von verschiedenen Naturgesetzen vorgeschrieben wird. Wie immer der Unterschied zwischen Ihrem Handeln aus Gründen und dem kausalbestimmten Verhalten des Blatts auch ausbuchstabiert werden mag, in ihm dürfte der Spielraum für den von Ihnen angesprochenen „Aspekt“ menschlicher Freiheit liegen.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihre ZEIT Akademie
Literaturhinweis:
Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit. Carl Hanser Verlag, München 2001.

