In Lektion 24 heißt es, dass Sparen und Investition zu mehr Wohlstand führt. Die USA und England haben nicht in ihre Produktivität investiert, sondern mit der Deregulierung der Finanzmärkte die Welt mit Dollar geflutet. Welche Auswirkungen hat der Handel des großen Kapitals mit CDS-Papieren und anderen Derivaten ohne jeden reellen Gegenwert für den Wohlstand der Menschen in den entwickelten und unterentwickelten Ländern? Wodurch erlangt der Dollar eine Kaufkraft? – J. Faltlhauser am 23.2.2012
Antwort
Grundsätzlich hat ein funktionierender Kapitalmarkt eine lebenswichtige Funktion für eine Ökonomie, und viele Innovationen der Finanzbranche aus den vergangenen Jahrzehnten sind sicher auch ein Grund für den - trotz aller Krisen - lange Jahre anhaltenden Wohlstandszuwachs in weiten Teilen der Welt. Denn Kapitalmärkte bieten Menschen, Firmen und Staaten die Chance, (1) sich Geld zu leihen für Investitionsprojekte, (2) wertvolle Gegenstände zu jeder Zeit für einen guten Preis kaufen und verkaufen zu können und (3) sich gegen Unsicherheiten abzusichern.
Gerade letzteres ist enorm wichtig, denn es bietet die Chance, Risiken, denen man ausgesetzt ist, zu verkleinern: Entweder, indem man das eigene Risiko streut oder indem man jemand anderem Geld dafür gibt, das eigene Risiko zu übernehmen. Kommunale Stadtwerke beispielsweise können sich am Finanzmarkt durch Termingeschäfte gegen Gaspreis-Schwankungen absichern und ihren Kunden so stabile Preise bieten. Ein Rentenversicherer kann die Rente seiner Kunden sichern, indem er Derivate kauft - denn dann bekommt er, wenn die Kurse seiner Anlagen einbrechen und der Wert der Kunden-Einlagen sinken sollte, zumindest noch eine kleine Ersatzzahlung. Und Staaten können am Finanzmarkt Kredite aufnehmen, um Ausgaben zu finanzieren, die sich nicht durch Steuererhöhungen zu finanzieren trauen.
Der Sinn von Derivaten und CDS ist somit eigentlich nicht das Herumzocken, sondern das Versichern. Jedoch, und da haben Sie natürlich recht, hat es hier Exzesse und spekulative Blasen gegeben, die immer irgendwann platzen müssen - was ja auch 2008/2009 passiert ist. Gerade den Briten und Amerikanern ist seither schmerzlich bewusst geworden, dass sie sich viel zu sehr auf die Finanzbranche als Wachstumsmotor konzentriert haben. Die Krise der Finanzmärkte schwappte dann auf die Realwirtschaft nahezu überall auf der Welt über - und hat zu einer globalen Wirtschaftskrise sondergleichen geführt. Diese hat zwar die Industrieländer fast stärker getroffen als die Entwicklungsländer, allerdings sind Wohlstandseinbußen für letztere natürlich deutlich gravierender - schließlich starten sie von einem niedrigeren Niveau.
Die große Aufgabe der nächsten Monate wird es sein, das Vertrauen auf den Finanzmärkten soweit wiederherzustellen, dass diese ihre ureigene Funktion des Versicherns und Risiko-Streuens wieder gut erfüllen können - damit der Wohlstand überall auf der Welt wieder wachsen kann. Gleichzeitig muss es gelingen, spekulative Blasenbildungen durch intelligente Regulierung möglichst nachhaltig zu verhindern.
Zu Ihrer letzten Frage: Die USA sind nach wie vor die wichtigste, innovativste und größte Volkswirtschaft der Welt, nicht nur im Finanzbereich, sondern auch in den Sektoren der Industrie und vor allem der Dienstleistungen . Dass der Dollar immer noch so hoch angesehen ist in der Welt, ist ein Zeichen für das große ungebrochene Vertrauen der Weltwirtschaft in den Leitwolf USA.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZEIT Akademie
