Fragen ans Expertenforum

Staatsschuldenkrise

Nehmen wir an, die Eurokrise ist gemeistert. Was macht die EZB mit den von ihr aufgekauften Staatsanleihen? Entweder sie hält bis sie abgelaufen sind und kassiert die Zinsen, oder – und das ist meine Frage – könnte sie die Anleihen frühzeitig abstoßen? Liegt hier die Kritik an den Staatsanleihenkäufen z. B. von Jens Weidmann? – O. Bogazköy am 27.12.2011

Antwort

Die Geschäftsbanken kaufen zurzeit nur noch sehr ungern Staatsanleihen auf, was dazu führt, dass die Euro-Staaten nur noch zu horrenden Zinsen Abnehmer für ihre Schuldverschreibungen finden. Um hier zu helfen und die Zinsen wieder zu drücken, haben sich einige Zentralbanken (darunter auch die Europäische Zentralbank in Frankfurt) dazu entschlossen, selbst Staatsanleihen aufzukaufen - mit neu "gedrucktem" Zentralbankgeld, das es vorher nicht gab.

Doch die Zinsen zu drücken, ist dabei nicht das einzige Ziel. Vielmehr kommt es der Zentralbank sehr gelegen, dem Markt auf diese Weise neues Geld zuführen zu können - denn genau das ist ihr Ziel. Da sich die Geschäftsbanken gegenseitig nicht mehr trauen und ihr Geld lieber horten als es anderen Banken zu verleihen, gibt es zu wenig Liquidität im Markt. Eine Zentralbank löst dieses Problem normalerweise, indem sie die Leitzinsen senkt. Doch das ist zurzeit nicht mehr möglich, denn die Zinsen befinden sich ohnehin schon fast überall auf dem niedrigstmöglichen Wert. Eine Alternative ist es, Staatsanleihen zu kaufen und so über einen Umweg neues Geld zu verteilen.

Ob die Zentralbank die aufgekauften Staatsanleihen dann später an andere Markteilnehmer verkauft oder ob sie sie auslaufen lässt, ist eigentlich unwichtig. In beiden Fällen entzieht sie den Märkten das Zentralbankgeld, das sie vorher hineingepumpt hatte, auf diese Weise wieder. Viele Ökonomen warnen, dass die Zentralbank nicht zu spät anfangen sollte, die Staatsanleihen wieder zu verkaufen, da es sonst zu Inflation kommen könnte. Zurzeit muss man allerdings noch keine Angst haben, dass das viele zusätzliche Geld die Preise steigen lassen könnte: Da das Geld zum großen Teil gehortet wird und die Gesamtmenge an vergebenen (Privat-)Krediten gerade nicht groß wächst, besteht hier keine Gefahr. Doch wenn die Krise irgendwann vorbei ist, die Markteilnehmer sich wieder vertrauen und die Geschäftsbanken mehr Kredite vergeben, sollte die Zentralbank die Staatsanleihen wieder abstoßen.

Dass die EZB aktiv Staatsanleihen kauft, wird von vielen kritisiert - auch von Bundesbankpräsident Weidmann. Denn streng genommen ist es der EZB verboten, das zu tun. Viele andere (oft eher linke, britische oder amerikanische) Ökonomen halten dieses Verbot aber für falsch - und begrüßen es sehr, dass sich die EZB gerade nicht daran hält.

Mit freundlichen Grüßen,
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