Fragen ans Expertenforum

Schriftstellerbiographien

Was soll ich von der Vergesslichkeit mancher Schriftsteller halten? Christa Wolf hat ihre Stasi-Mitarbeit vergessen, Günter Grass seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS. Sollte man nicht erwarten, dass sich Schriftsteller besser erinnern als andere Menschen? – K. Ebert am 14.11.2011

Antwort

Schriftsteller sind auch nur Menschen - und das ist ihr größtes Problem. Denn seit dem 18. Jahrhundert, seit der Erfindung des Genies, gelten sie als etwas Besonderes: als außergewöhnlich sensible, selbstkritische, aufmerksame Persönlichkeiten.
Ihr Werk bezieht seine Legitimität immer auch aus der Überzeugungsfähigkeit der Person, ihres Auftretens, Redens oder auch (und besonders wirkungsmächtig) ihres Schweigens. Wer als Person seine Legitimität verliert, setzt seine Autorenexistenz auf´s Spiel. Genau diese Furcht mag es gewesen sein, die Christa Wolf und Günter Grass so erstaunlich vergesslich werden ließ. Beide waren zum Zeitpunkt der Kollaboration noch jung und hofften möglicherweise, niemand würde davon erfahren.
Vielleicht sollten wir unser Bild vom idealen Autor korrigieren, um für mehr Ehrlichkeit in der Literatur zu sorgen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZEIT Akademie

[Zurück zur Übersicht]

DVD-Seminar

Das Literatur-Seminar der ZEIT Akademie auf DVD

[Weitere Informationen]

Audio-Seminar

Das Literatur-Seminar der ZEIT Akademie auf Audio-CD

[Weitere Informationen]

Expertenforum

Für Teilnehmer: Stellen Sie hier Ihre Fragen zum Seminar oder lesen Sie, was andere Teilnehmer wissen möchten. Folgende Seminare stehen zur Auswahl: